Rückblick – Film und Gespräch: Erinnerungsarbeit, Antisemitmus und Empathie

Rückblick – Film und Gespräch: Erinnerungsarbeit, Antisemitmus und Empathie

Wie lässt sich Erinnerung lebendig halten? Und was kann uns die Auseinandersetzung mit persönlichen Lebensgeschichten über Antisemitismus und gesellschaftliche Verantwortung heute lehren? Um diese Fragen ging es am 12. Oktober 2026 an der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH). Rund 50 Menschen kamen zusammen, um gemeinsam mit Klaus Lederer und Ulrike Cordier den Film „In den Seiten der Zeit – Ich leb’ so gern“ zu sehen und anschließend über Erinnerungsarbeit, Antisemitismus und Empathie ins Gespräch zu kommen.


Der Film bildete den Ausgangspunkt für einen Abend, an dem es nicht allein um historische Ereignisse ging, sondern ebenso um unsere Gegenwart: Welche Impulse können persönliche Geschichten für die Auseinandersetzung mit globalen Krisen und gesellschaftlichen Herausforderungen geben? Und wie kann eine zeitgemäße Antisemitismuskritik in einer vielfältigen Migrationsgesellschaft aussehen, in der sich Debatten zunehmend auch im digitalen Raum abspielen?

Im anschließenden Gespräch griffen Klaus Lederer, ehemaliger Berliner Kultursenator, und Ulrike Cordier, Großnichte von Gerda M. Meyer und Initiatorin des Films, diese Fragen auf. Moderiert wurde die Diskussion von Henny Engels, Sprecherin des Bündnisses für Demokratie und Toleranz Marzahn-Hellersdorf. Auch die beiden Regisseurinnen Johanna Kaiser und Johanna Pohland begleiteten den Abend.

Ein Gedanke zog sich dabei durch die Gespräche: Empathie kann ein wichtiger Zugang sein, um sich mit Geschichte und Antisemitismus auseinanderzusetzen. Persönliche Lebensgeschichten schaffen Nähe und machen Erfahrungen nachvollziehbar, die sonst leicht abstrakt bleiben. Sie können dazu anregen, genauer hinzusehen, Fragen zuzulassen und sich auch mit Perspektiven auseinanderzusetzen, die zunächst fremd erscheinen.

Zugleich wurde deutlich, dass Empathie allein nicht ausreicht. Es braucht auch die Bereitschaft, eigene Haltungen und Denkmuster kritisch zu hinterfragen. Klaus Lederer sprach darüber, wie wichtig Selbstkritik für die Auseinandersetzung mit Antisemitismus ist. Auch er habe sich in einem längeren Prozess mit eigenen strukturell antisemitischen Denkmustern auseinandersetzen und diese bearbeiten müssen. Seine Perspektive, sich häufig „zwischen den Stühlen“ wiederzufinden, verband sich dabei mit einem Plädoyer dafür, die kritische Reflexion nicht nur von anderen einzufordern, sondern auch bei sich selbst anzusetzen.

Wie offen und persönlich diese Auseinandersetzung geführt werden kann, zeigte sich auch im Publikumsgespräch. Neben der regen Diskussion über Formen der Erinnerungsarbeit und Antisemitismuskritik fanden persönliche Betroffenheiten und Emotionen Raum. Die Atmosphäre blieb dabei konstruktiv und zugewandt. So entstand ein Austausch, der unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen zuließ, ohne die Komplexität der Themen aus dem Blick zu verlieren.

Möglich wurde der Abend durch die enge Zusammenarbeit von Ulrike Cordier, dem Bündnis für Demokratie und Toleranz Marzahn-Hellersdorf und der Alice Salomon Hochschule. Seitens der ASH waren Vered Berman, Ansprechperson für Antisemitismus, und Elène Misbach aus dem Bereich Transfer & Third Mission beteiligt. Auch das neu gewählte Präsidium der Hochschule und Kanzler Thimo von Stuckrad nahmen an der Veranstaltung teil. Der Filmabend fand im Rahmen der Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus der Amadeu Antonio Stiftung statt.

Der Abend hat gezeigt, wie Film und persönliche Geschichten einen Raum für Austausch eröffnen können. Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Erinnerungskultur braucht Wissen, Selbstkritik und die Bereitschaft, einander zuzuhören. Empathie kann dabei ein Anfang sein, um Fragen nicht vorschnell zu beantworten, sondern gemeinsam weiterzudenken.

Weitere Gelegenheit, den Film zu sehen: Der Antisemitismusbeauftragte des Bezirksamts Steglitz-Zehlendorf kündigt in einem Beitrag zur Veranstaltung eine weitere Filmvorführung am 7. November in der Lukaskirche, Friedrichsruher Straße 6a, an.

Alle Fotos © Paula Engelke